Hier geht alles den Bach runter – und rauf
  Fluchen versus buchen Der Zuger Detailhandel ist im Umbruch. In fünf Jahren sei alles tot, sagt einer, der es wissen muss. Im Gegenteil: Wir wachsen in Zukunft noch stärker, sagt ein anderer, der es ausprobiert hat. Und dann gibt es noch eine dritte Überlebensstrategie.

Gion war der Erste, der starb. Also, sein Musikladen. Vom Internet kaputt gemacht. Die Schläge kamen hart und schnell: Erst Napster, dann Emule, dann iTunes und dann Spotify. Aber Gion’s Musikladen blieb nicht das einzige Opfer: Die Digitalisierung beisst und bricht seitdem Stück für Stück aus der Zuger Detailhandelsflora, wie eine Brandung, die den Strand verschlingt. Dazu kommen die zwei grossen Brüder Luzern und Zürich, die wie vorbeiziehende Planeten mit ihrer Gravitation Spezialgeschäfte aus dem kleinen Zug aufsammeln: Der analoge Fotoladen Ars Imago ist nach Zürich gezogen, das Zuger Traditionsunternehmen «das Blashaus» nach Luzern. Bäckereien verschwinden, Metzger machen dicht. Nur Immobilienhändler poppen an jeder Ecke auf und verkaufen das Letzte, was es zu verkaufen gibt, wenn nichts anderes mehr übrigbleibt: die Stadt selbst.

Das ist die tragische Geschichte des Zuger Detailhandels. Es gibt auch eine andere. Denn wer in Zug ankommt, einen Schritt vom Perron weg unternimmt, bewegt sich in einem der vielseitigsten, konzentriertesten Einkaufsräume, die die Schweiz zu bieten hat. Vom Bahnhof bis zur Altstadt ist Zug eine einzige Einkaufsmeile. Und vor allem eine, in der originale Gewächse überlebt haben. Wo sich in Florenz und Madrid und an der Zürcher Bahnhofstrasse nur noch die grossen Internationalen um Kunden zanken, wo die Kleinen schon längst erledigt und in die Aussenquartiere verdrängt sind, werden mitten in Zug immer noch mit Erfolg lokale Brötchen gebacken. Lokale Kleider hergestellt, Taschen genäht, Fotos geschossen und entwickelt. Zug ist ein Garten mit Wildwuchs, kein englischer Rasen. Es ist gut möglich, dass man ein Spezialgeschäft in Zug findet, das esin der Schweiz sonst nicht mehr gibt.

Immer alles gleichzeitig
Die Stadt steckt in ihrer eigenen kleinen Zeitverdrehung fest, alles ist gleichzeitig: Der Detailhandel geht mit fliegenden Fahnen unter, blüht gleichzeitig frisch auf und existiert nebenbei einfach munter wie seit jeher immer weiter. Je nachdem, wie und wo man hinschaut. Wir schauen deshalb drei Mal hin.

Das erste Mal bei ihm: Denn, wenn man schon schön schwarzmalen will, muss die Leinwand erst mal richtig hoffnungsvoll strahlend weiss sein. Bob ist für Hoffnung gut zu gebrauchen. Respektive: für gute Laune und einen ausgeprägten Geschäftssinn. Roberto Lopez heisst der Mann, der in der Altstadt mit seinem Laden offenbar einen Nerv getroffen hat: Bobs Food Store verkauft seit fünf Jahren Kaffee, Tee und ausgesuchte, hochwertige Delikatessen. Und vor allem auch: sich selber. Denn Bob ist gut drauf, ein guter Verkäufer, und er mag seine Produkte – und bringt das auch rüber. Sein Laden wächst jedes Jahr stärker. Und es gibt noch Luft nach oben, findet zumindest Bob. Rundherum hört man in der Altstadt gerne Gejammer – sie sei ausgestorben, die Kundschaft fehle, die Stadt müsse etwas unternehmen. Aber nicht von ihm. «Im Gegenteil: Ich bin sehr zufrieden hier. Mein Laden ist gut besucht, und ich gewinne laufend neue Kundschaft.» Bob hat allerdings einen entscheidenden Vorteil: Er ist beweglich – und hängt nicht an einer fixen Vorstellung fest. «Das ist das Entscheidende: Es geht nicht mehr, dass man jahrzehntelang das Gleiche macht. Man muss das Konzept immer wieder überdenken und anpassen.» Er weiss wovon er spricht: Bob war nicht immer Ladenbesitzer – war schon Unternehmensberater, Importeur, Angestellter und Expat in Asien. «Bis ich dachte: jetzt habe ich genug Erfahrung gesammelt, jetzt will ich die umsetzen.» Drei Jahre lang hat Bob investiert. Jetzt steht langsam die Ernte seiner Anstrengung ins Haus. Werbung hat er keine gemacht. «Das ist alles Mund-zu-Mund-Propaganda. Mittlerweile habe ich eine grosse Stammkundschaft.» Und Engagement im Quartier, Bob macht bei der IG Altstadt mit. «Da packen alle an, die etwas bewegen wollen», sagt er, «die Vielfalt hier ist unglaublich gross. Und was das Quartier attraktiv macht, macht auch meinen Laden attraktiv.»

Kaffeeladen ist nicht gleich Laden mit Kaffee drin
Wieso passt das Konzept so gut nach Zug? «Ich habe mir die Zuger Bevölkerung genau angeschaut – diese grosse Vielfalt, alle diese Nationalitäten. Und gleichzeitig die Kleinheit der Stadt. Da braucht es ein Produkt, das möglichst viele Leute oft konsumieren – wie zum Beispiel Kaffee oder Tee.» Und nicht irgendwelchen. «Man kann schon einfach eine Auswahl an Kaffee in einen Ladenstellen – aber das ist noch kein Kaffeeladen», sagt Bob und lacht. «Das ist dann einfach ein Laden mit Kaffee drin. Ein echter Kaffeeladen lebt von der Begeisterung und dem Know-how, die der Betreiber fürs Produkt hat. Und davon, dass er dieses Wissen weitergeben kann. Das gilt in jeder Branche.»

Auch André Odermatt ist von seinem Beruf begeistert und würde gerne sein Wissen weitergeben. Aber das wird schwierig. Er ist die dritte Generation des Familienunternehmens Odermatt Lederwaren. «Und die letzte», sagt er und lacht. Schon am Telefon hatte er gescherzt: «Haben Sie acht Stunden Zeit? Wenn ich schon jammern soll, dann richtig.» Odermatt hat wirklich guten Grund, schwarz-zu-sehen. Sein Betrieb ist der allerletzte in der Schweiz, der eine Lehrstelle als Feintäschner überhaupt anbietet. Der einzige in der Schweiz, der komplizierte Reparaturen an Taschen noch durchführen kann. Wenn Odermatt in zehn Jahren pensioniert wird, gibt’s wohl auch seinen Beruf nicht mehr. Aber das ist nicht der grosse Umbruch, den Odermatt fürchtet. «Ich denke, in fünf Jahren sieht hier in Zug alles anders aus», sagt er. Odermatt ist Präsident der IG Pro Zug des Dachverbandes für den Zuger Detailhandel. «Der Wandel ist unglaublich. Man sieht es noch nicht so gut, aber durch die Konkurrenz aus dem Internet werden hier die meisten Geschäfte verschwinden», sagt er. Dazu komme das Zuger Problem der hohen Mieten. «Schon jetzt sieht man, dass frei gewordene Ladenlokale immer länger leer stehen. Bei den Mieten ist ein Zenit erreicht.»

Zug hinkt hinterher und ist gleichzeitig voraus
Das klingt dramatisch. Aber Odermatt lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Denn Zug ist gleichzeitig vielen anderen Städten ein bisschen hintendrein – und ein bisschen voraus. Zurückgeblieben weil: das grosse Ladensterben steht noch aus. Voraus weil: «Der Detailhandel schaut zueinander. Wir sind schon lange keine Konkurrenten mehr, sondern arbeiten zusammen gegen die Konkurrenz aus dem Internet. Das ist wirklich ein grosser Vorteil, den wir hier haben.» Dadurch könne sich die grosse Vielfalt etwas länger halten, die Zug besitze. «Mir sagen Leute aus Zürich, dass sie für ihren Einkauf nach Zug kommen – so viele verschiedene einzigartige Geschäfte auf so engem Raum gibt es nur hier. Deshalb glaube ich, dass Geschäfte, die eine gute Nische besetzen, überleben können.»
Was kann der Detailhandel gegen diese Entwicklung tun? «Wir versuchen als Dachverband, die lokalen Verbände zu unterstützen, damit sie ihre Quartiere attraktiver machen können», sagt Odermatt. «Aber wirklich etwas tun müsste auch die Stadt – zum Beispiel, indem sie die Öffnungszeiten für alle gleich festlegt. Es kann doch nicht sein, dass der Bahnhof andere Öffnungszeiten haben darf als wir.» Ob das dann die Rettung sein würde, davon ist Odermatt nicht restlos überzeugt. Aber es wäre einen Versuch wert.

Nur, so hoffnungsvoll hören wir mit diesem Abschnitt bestimmt nicht auf. Das würde der grossen Umwälzung im Detailhandel nicht gerecht. Deshalb: Wie geht’s weiter mit der Zuger Ladenlandschaft? Odermatt schnaubt. Er rate jedem davon ab, in den Detailhandel einzusteigen. «Zehn Prozent aller Lehrlinge in der Schweiz sind im Moment im Detailhandel», sagt er und schaut ernst, «viele von ihnen werden in Zukunft keine Jobs finden. Da muss man etwas ändern – ich sehe sonst wirklich schwarz für diese jungen Leute.»

Zeit für Zwischentöne
So viel zur Hoffnung und zur Schwarzmalerei. Jetzt wird es Zeit für Zwischentöne. Immerhin: Der Zuger Detailhandel ist vereint im Kampf gegen die Konkurrenz aus dem Internet. Die Google-Bewertungsseiten der Zuger Geschäfte sind der Schauplatz einer etwas verspäteten Online-Offensive – oder eines Rückzugsgefechts, je nach Einstellung. Da ist aber auch Goodwill zu spüren, Freude über das lokale Angebot.
An Carlos Scheurenberg geht das alles völlig vorbei. Dass sein Laden «Il Violino» in der Unteraltstadt überhaupt eine moderne Website hat, ist fast ein Wunder. Denn Scheurenberg macht das, was Violinenbauer vor ihm schon seit Jahrhunderten gemacht haben: bauen, reparieren, verkaufen. Die Geschwindigkeit der Entwicklung seiner Branche lässt sich an diesem Satz messen: «Ich glaube, was neu ist, das ist die Vermietung von Instrumenten. Das gab es früher nicht.»

Ein Besuch in so einer Welt entschleunigt ungemein. Der Laden läuft, wie er schon immer gelaufen ist. «Zug ist eine musikalische Stadt», sagt Scheurenberg. «Es gibt zwar nicht ein grosses, wichtiges Orchester, aber viele Gruppierungen, und natürlich die Musikschulen.» Für ihn gibt es keinen Grund, in eine grössere Stadt zu ziehen. Die grossen Brüder Zürich und Luzern rauschen für Scheurenberg ohne Wirkung durch den Orbit. Auch diese langsame Form des Detailhandels hat eine Chance auf Überleben. «Wissen Sie, eine Violine», sagt Scheurenberg, «die kauft man nicht übers Internet.»

Falco Meyer
 
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